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Beitrag September 2011:
 

Die weibliche Kraft im Spiegel der Gesellschaft

Jeder Mensch trägt in sich die Schöpfungskraft in Form der weiblichen und männlichen Urkraft. Beide Pole, männlich und weiblich sind dabei gleichermaßen wichtig. Diese Urkräfte haben ein großes Potential in sich und möchten gelebt werden - harmonisch und ausgeglichen in jedem einzelnen Menschen, wie auch in der gesamten Menschheit. Eine Unterdrückung oder Herabwürdigung einer dieser Kräfte ist immer auch eine Unterdrückung und Herabwürdigung eines persönlichen Anteils des Menschen und der anderen dualen (ergänzenden) Kraft. Im Handeln und Denken eines Menschen spiegelt sich die Auslebung dieser männlichen und weiblichen Urkraft wieder.

Viele Forscher gehen davon aus, dass die ersten Gesellschaftsformen vor vielen tausenden von Jahren matrizentrisch ausgerichtet waren. Das heißt, die Frauen wurden hoch geachtet und es war meist eine der ältesten Frauen, die die Position der Clanführerin inne hatte. Allerdings wurden die Männer nicht benachteiligt oder herabgestuft. Interessant ist, dass diese Kulturen äußerst friedlich lebten und kaum eine dem Militär ähnliche Instanz oder Verteidigungsanlagen hatten. Auch gab es viele kleine Sippenverbände und kaum zentrale Machthierarchien. Diese Indizien deuten darauf hin, dass die weibliche Urkraft ausgelebt wurde und es ein zumindest annäherndes Gleichgewicht zwischen der weiblichen und männlichen Kraft gab.

Im Laufe der Zeit änderten sich die Gesellschaftsstrukturen und weltweit setzen sich (bis auf wenige Ausnahmen) patriarchalische Strukturen durch. Auch die großen Weltreligionen, wie Christentum, Judentum, Islam, Buddhismus und Hinduismus sind patriarchalisch ausgerichtet. Männer übernahmen die Positionen von Anführern. Militärische und kriegerische Handlungen wurden immer bedeutsamer und zentrale Machthierarchien bildeten sich heraus. Während in den matrizentrischen Kulturen das Leben und die Natur geachtet und der Mensch als darin eingebetteter Teil angesehen wurde, gibt es in patriarchalischen Gesellschaften oft den Leitgedanken, die Natur zu erobern und zu beherrschen.

Im Laufe der Zeit und mit der Entwicklung der verschiedenen kulturellen Gesellschaften formte sich ein Frauenbild, dass oft aus dem Blickwinkel und unter der Autorität der männlichen weltlichen und religiösen Führung entstand. Selbst wenn Frauen in einigen alten religiösen Texten, wie im Judentum oder im Hinduismus, gelobt wurden, so wurden ihre Aufgaben und soziale Stellung fast ausschließlich auf den Mann bezogen, wenn sie als Ratgeberin des Königs oder Krone des Mannes bezeichnet wurde. Selten wurden Frauen als autonom, für sich selbst sprechend und in ihrem eigenen Interesse aktiv handelt dargestellt. Strikte soziale Rollen- und Aufgabenverteilungen drängten die Frauen in allen patriarchalischen Gesellschaften immer mehr an den Rand des öffentlichen Lebens.

An der gesellschaftlichen Entwicklung in Europa können wir die drastische Unterordnung und Herabsetzung der Frau nachvollziehen, welche vergleichbar in den meisten Kulturen der Welt stattfand. Während die Kelten den Frauen noch beinahe eine Gleichberechtigung zugestanden, waren die Rechte der Frau bei germanischen Stämmen schon eingeschränkt, auch wenn sie immer noch in ihrer Meinung geachtet wurden. Mit der Durchsetzung der christlichen Religion erreichte die Würdigung der Frau ihren traurigen und extremen Tiefpunkt.

In der fanatischen Auslegung und Deutung biblischer Texte entstanden extrem frauenfeindliche gesellschaftliche Bilder und Leitsätze. Sozial, politisch und religiös wurden Frauen jegliche Rechte, (Selbst-) Achtung und Möglichkeiten der Selbstbestimmung abgesprochen. Sie wurden nur noch als Eigentum des Mannes in Form der Ehefrau und Mutter seiner Kinder angesehen. Intelligenz, das Recht auf eigene Meinungen und Entscheidungen wurde ihnen komplett abgesprochen. Frauen wurden in dunkelsten Zeiten als Trägerin der Sünde, die den Mann in Versuchung führt, deklariert. Schließlich war es Eva, die sich auf die teuflische Schlange eingelassen und Adam verführt hatte. Es wurde daraus geschlussfolgert, dass die Frau die Vertreibung aus dem Paradies und die Erbsünde zu verantworten hatte. Sexualität, welche in vielen matrizentrischen Kulturen als lebensbringender und damit heiliger Schöpfungsakt geachtet wurde, war im Christentum ein sündiger, mit dem Teufel assoziierter Trieb. Den „frommen Christen“ bedrohende Umstände und Neigungen, wie zum Beispiel natürliche sexuelle Bedürfnisse, wurden oft nach dem Sündenbock-Prinzip auf andere projeziert. Meist hatten Frauen darunter zu leiden, die als Verführerinnen und mit dem Teufel verbündete Hexen dargestellt wurden. Das positive Leitbild, dass die christliche Religion den Frauen bieten konnte, war die reine, jungfräuliche und damit vollkommen asexuelle Mutter Maria. Ein Vorbild, dem kaum eine Frau und definitiv keine Mutter gerecht werden konnte. Frauen mussten sich mit einer Wertevorstellung identifizieren, die sie als niederwertig und unrein betrachtete, was jegliches Gefühl von Selbstwert und Selbstliebe untergräbt.

Mit dieser gesellschaftlichen Verstümmelung der Frauen entstand und hielt sich über Jahrhunderte hinweg ein starkes energetisches Ungleichgewicht. Diese starke Disharmonie wirkt sich auf die Erde mit ihren kollektiven Energiefeldern genauso aus, wie auf jeden einzelnen Menschen, Frauen wie auch Männern. Letztendlich führt Unterdrückung der Lebenskraft und natürlicher Bedürfnisse zu einer Verzerrung bis hin zur Perversion. Sexuelle Bedürfnisse, die als sündig bertachtet, unterdrückt und entstellt wurden, die Anhäufung von Aggression und die gesellschaftlich anerkannte Projektion eigener Makel und Fehler auf einen Sündenbock führten zu Gewalt, Erniedrigung und Vergewaltigung. Ein trauriger Gipfel sind die massenhaften Morde an Frauen im Rahmen der Hexenverfolgungen.

Erst vor geschichtlich relativ kurzer Zeit, etwa ab dem 19. Jahrhundert, begannen gesellschaftliche Umwälzungen, in denen sich Frauen für ihre Rechte einsetzten. Obwohl es in Europa und anderen Teilen der Erde (leider nicht in allen) inzwischen eine rechtlich zugesicherte Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern gibt, lassen sich die Auswirkungen von Jahrhunderte andauernden gesellschaftlichen Strukturen, Glaubenssätzen und Lebenseinstellungen nicht einfach abschalten oder negieren. Als energetisches Erbe sind diese Abdrücke und Erinnerungen im weltweiten kollektiven Bewusstsein und somit im Unterbewusstsein der Menschen gespeichert. Mal zeigen sich diese alten Strukturen offen, mal eher verdeckt in eingefahrenen Meinungen, Rollenverteilungen oder im Selbstverständnis und der Selbstachtung von Frauen und Männern.

Noch immer definieren viele Frauen sich und ihren Selbstwert über die Stellung zu einem Mann oder zur Familie, zum Beispiel als Ehefrau und Mutter oder ringen in der Gesellschaft mit einem sehr von Männern geprägtem Werte- und Leistungssystem, wie es in vielen beruflichen Laufbahnen der Fall ist. Oft wurden und werden Mädchen erzogen, lieb, brav und bescheiden zu sein, was Frauen es schwer macht, später für eigene Grenzen einzustehen. Die liebevolle Mutter opfert sich nur allzu gern für ihre Familie auf, um dann eigene Bedürfnisse hinten an zu stellen. In all diesen Situationen wird die weibliche Urkraft zurückgehalten anstatt entfaltet und gelebt zu werden.

Ein trauriges und extremes Beispiel, dass uns zeigt, wie die Unterdrückung von Frauen unbewusst von Frauen und Männern ausgelebt wird, sind die leider immer noch häufig auftretenden Situationen von häuslicher Gewalt gegen Frauen, in denen sich Frauen nicht zur Wehr setzen bzw. nicht dazu in der Lage sind. Fragen, warum diese Frauen es nicht oder nur schwer schaffen, Hilfe von Polizei und sozialen Einrichtungen in Anspruch zu nehmen und durch Trennung die Gewaltsituation zu beenden, lassen die Tiefe dieser Problematik erahnen. Neben persönlichen Erfahrungen und Entwicklungen der Frauen sind es auch gesellschaftliche Prägungen und Strukturen, die diesen Teufelskreis stabilisieren und dessen Entstehen eher begünstigen als dem entgegenzuwirken. Dazu gehören die bis vor einigen Jahren gängige finanzielle Abhängigkeit der Frau von ihrem Ehemann, Vorstellungen von moralischen Verpflichtungen der Frauen in Ehe und Familie sowie das Bild der fürsorglichen, einfühlsamen und selbstlosen Frau als „gute“ Frau.

Leid und Schmerz duldsam ertragen zu können, wurde (und wird zum Teil immer noch) als weibliche Stärke und Tugend angesehen, die den Frauen wenig nutzt und sie nur noch mehr in die Passivität und das Ausharren in der Gewaltsituation hineindrängt und ihre Ohnmachtsposition stärkt.

In unserer Zeit stehen wir nun vor der Herausforderung, neue Definitionen von Frau- und Mann-Sein zu finden, alte Rollenverteilungen zu überwinden um neue Ansichten, Ideen, und Lebensentwürfe zu kreieren. Wer sagt denn, dass Männlichkeit immer von Härte, Kraft, Aktivität, Geben und Beschützen geprägt sein muss. Oder dass Weiblichkeit immer mit Schwäche, Sanftmut, Passivität, Hingabe und Aufopferung assoziiert sein sollte?

Um ein Gleichgewicht zwischen der männlichen und der weiblichen Urkraft wieder herzustellen ist es unumgänglich, die weibliche Schöpfungskraft wieder in das Leben - das eigene persönliche wie auch das gesellschaftliche - zurückzubringen. Wir sind angehalten, unseren gewohnten Blickwinkel, der über so lange zeit patriarchalisch geprägt war, neu zu hinterfragen. Dazu gehört auch, die gern als alte Weisheiten überlieferten Dogmen kritisch zu prüfen. Religiöse Ansichten, wie zum Beispiel in einigen Lehren des Buddhismus auftretende Meinungen, dass ein männlicher Körper für den Eintritt ins Nirvana notwendig und Frauen die Erleuchtung somit verwehrt sei, gehören definitiv zu überholten Vorstellungen. Doch auch einige andere Praktiken und Anschauungen sollten untersucht und überdacht werden, z.B. wenn Frauen während ihrer Menstruation von einigen Ritualen ausgeschlossen werden oder in einigen tantrischen Lehren die Aufgabe der Frau darin festgelegt wird, ihre Kraft dem Mann zur Verfügung zu stellen ohne dass dieser seine Energie der Frau zukommen lässt.

Ein Patent-Lösungsansatz, um die weibliche Kraft aus ihrem „Schlaf“ zu erwecken und wieder bzw. noch mehr zu leben, lässt sich hier nur schwer finden. Die Selbstliebe, die jede Frau (-natürlich jeder Mensch!) für sich empfinden sollte, spielt dabei eine der wichtigsten Rollen. Zudem sei jede Frau dazu aufgerufen, sich zu trauen, ihre Macht und ihre Verantwortung, vor allem gegenüber sich selbst zu leben. In jeder Frau steckt eine Königin, die voller Liebe und Lebenslust über ihr Leben bestimmt und als Kriegerin ihre Kraft zeigen kann, um eigene Grenzen und Lebensbereiche zu schützen. Mit jeder kleinen Situation, in denen Frauen sich für ihre innere Stärke entscheiden und Eigenverantwortung leben, wächst das gemeinsame Potential weiblicher Kraft. Und was können die Männer beitragen? In der Anerkennung der Königin in jeder Frau können sie sich wieder mit ihrem eigenen weiblichen Anteil aussöhnen und ein Stück innerer Weiblichkeit heilen.

 

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